Olaolu Fajembola zu rassismuskritischer Haltung
Transkript anzeigen
Drei Fragen an… Olaolu Fajembola – Transkript
In der Rubrik „Drei Fragen an …“ stellt die Koordinierungsstelle Vielfalt in der Kindertagesbetreuung Fragen an Expert*innen und Akteur*innen der frühen Bildung zu Fragestellungen rund um die Themenfelder Diversität, Fluchtzuwanderung und Antidiskriminierung in der frühkindlichen Bildung.
In dieser Ausgabe haben wir drei Fragen an Olaolu Fajembola gestellt.
Olaolu Fajembola lebt mit ihrer Familie in Berlin und wurde 2021 vom FOCUS als eine der 100 Frauen des Jahres ausgezeichnet. Sie ist Expertin für vielfältige Kinderliteratur und diskriminierungssensible Spielmaterialien. Zudem bietet sie Seminare, Vorträge und Workshops zu diskriminierungssensibler Pädagogik für pädagogische Fachkräfte an und engagiert sich für mehr Sichtbarkeit und Wertschätzung vielfältiger Lebensrealitäten in der frühkindlichen Bildung.
Frage 1
Warum ist es so wichtig, schon früh mit Kindern über Rassismus zu sprechen und wie kann dies in Kitas und der Kindertagespflege gelingen?
Antwort 1
Die Frage nach dem geeigneten Alter, um mit Kindern über Rassismus zu sprechen, finden wir immer wieder interessant. Natürlich würde ich immer sagen, so früh wie möglich, weil es eben Kinder gibt in unserer Gesellschaft, zum Beispiel Schwarze Kinder, die eben früh erlernen, dass sie „Anders“ sind. Dass sie nicht zur „Norm“ gehören, dass ihre Hautfarbe kommentiert wird, dass ihre Haare kommentiert werden, dass ungefragt ihre Körper berührt werden, dass sie auf vielerlei Fragen, die auf ihre Herkunft, die Herkunft der Eltern, die Herkunft der Großeltern zielen, Antworten finden müssen oder dass sie erkennen, dass die Antworten, die sie geben, zum Beispiel aus Berlin, Hamburg oder Bielefeld zu kommen, nicht genügend ist und sie Antworten geben sollen, von denen sie am Anfang noch gar nicht verstehen, worauf diese Fragen eigentlich zielen.
Von daher sagen wir so früh wie möglich, denn es gibt Kinder, die eben früh anfangen, dieses Wissen und diese Fragen zu deuten, Antworten darauf zu finden, die vermeintlich richtigen Antworten zu geben, um die Neugierde des Gegenübers zu befriedigen und entsprechend eben in der Kita oder in der Kindertageseinrichtung schon mit einem Wissen da sind, die sie eben auch schon als kleine Expert*innen im Kontext von Rassismus befähigen.
Also nicht im Sinne von, dass sie jetzt Antworten geben können oder dass sie Rassismus als solches benennen und beschreiben können, sondern dass sie eben erkennen, dass eine Antwort auf zum Beispiel die Herkunftsfrage nicht Deutschland sein kann, sondern eine andere Frage oder dass sie Antworten geben für, sind das Haare auf deinem Kopf? Eben Antworten müssen, ja natürlich und nicht selbstverständlich, was ist das für eine komische Frage? Und warum haben sie das? Weil sie eben sehr, sehr häufig schon diese Fragen erhalten haben und Antworten darauf geben mussten oder beobachtet haben, dass ihre Eltern Antworten gegeben haben oder ihre Eltern angespannt sind und emotional sehr involviert sind. Und das heißt, manche Kinder in unserer Gesellschaft haben gar nicht diese Möglichkeit zu sagen, beschäftige ich mich mit Rassismus? Spreche ich mit meinem Kind über Rassismus? Was ist denn überhaupt Rassismus? Ist es ein zu schweres Thema? Es ist zu komplex? Ist es zu kompliziert? Sondern jeden Tag, immer wieder machen sie die Erfahrung und finden Antworten und Reaktionsmöglichkeiten auf rassistische Erfahrungen. Und demgegenüber gibt es Kinder, die eben diese Erfahrung überhaupt nicht machen.
Die kein Bewusstsein dafür haben, dass sie eine weiße Hautfarbe haben, dass ihre Herkunft überhaupt nicht erfragt und infrage gestellt wird, auch wenn sie nicht deutsche Kinder sind. Und zwar basierend auf ihrer Hautfarbe, dass sie diese Fragen wenig beantworten müssen, wenn sie jetzt nicht gerade sprechen usw. Und dass nicht unhinterfragt eben sie berührt werden und dass sie eben als „Normal“ in dieser Gesellschaft gelten.
Daher die Frage, ob wir mit Kindern darüber sprechen? Ja, damit alle Kinder eben von klein auf diese Erfahrung machen. Was ist denn Rassismus? Was ist denn normal? Was wächst den Menschen auf dem Kopf? Haare, und Haare können unterschiedliche Strukturen haben. Was ist denn, was verdeckt meinen Körper? Das ist eine Haut.
Haut hat auch ein Spektrum an unterschiedlichen Hauttönen. Und ja, jede Haut braucht Sonnencreme und solche Dinge. Also ganz normales Basiswissen sollten Kinder haben.
Und wie es so schön heißt, wir müssen natürlich nicht in Kitas und Kinderpflegeeinrichtungen schon über die Komplexität von Rassismus sprechen. Aber vielleicht die Normvorstellungen besprechen, normalisieren, Hauttöne, Haarfarben, unsere Vielheiten als normal in unserer Kita besprechen. Aber auch vor allem in Symbolcharaktern da haben, also in Büchern, in Gesprächen.
Und ganz niedrigschwellig darüber sprechen, z.B. welche Stifte wir haben, welche Motive verwenden wir, welche Feierlichkeiten haben wir. Wie werden unsere Eltern beschrieben? Was heißt denn Zugehörigkeit? Gehören alle Kinder dazu? Also all diese Dinge können wir in Kitas besprechen. Und das ist schon ein erster Schritt, um unsere Normalitätsaspekte zu weiten und eben Rassismus langsam auch besprechbar zu machen.
Frage 2
Rassismuskritik ist kein „Add on“, das man punktuell in einer Projektwoche bearbeitet. Was braucht es, um einen rassismuskritischen Ansatz nachhaltig in den Strukturen frühkindlicher Einrichtungen zu verankern?
Antwort 2
Häufig hören wir, dass gerade, wenn es um Rassismuskritik in der pädagogischen Arbeit geht, dass Institutionen total eifrig und proaktiv eben ihre eigene Pädagogik rassismuskritisch begleiten wollen und Nachhaltigkeit etablieren wollen. Das finden wir natürlich total gut, aber um eben einen nachhaltigen Ansatz zu etablieren, müssen wir uns bewusst machen, dass es eben ein längerer Weg ist, eine Reise, wie wir es so gerne beschreiben. Und nichts ist, was sehr schnell umgesetzt werden kann, ein Quick-Fix, um das Problem Rassismus auf einer To-Do-Liste abzuhaken, als erledigt und dann zum nächsten Thema weiterzuschreiten.
Wichtig wäre es, erst einmal zu schauen, wo stehen wir gerade, und zwar auf vielen Ebenen. Also, wie stehen wir als Institution? Wie sieht unser Kinderschutzkonzept aus? Wie sieht unser Knowhow zu Rassismus aus? Erkennen wir überhaupt Rassismus? Wie sind wir als Einrichtung auch personell aufgestellt? Wie viel Knowhow steckt in unseren Fachkräften? Zum Beispiel sind das eben nur weiße Fachkräfte, die natürlich nicht über das Wissen verfügen, erst einmal Rassismus erlebt zu haben, aus einer negativen Perspektive oder auch diese überhaupt zu erkennen. Und entsprechend, wenn dieses Knowhow überhaupt nicht in unserer Institution vorhanden ist, wie erhalten wir dieses Knowhow? Also, wie können wir uns selbst so weiterbilden, dass wir entsprechendes Wissen erhalten, um dieses umzusetzen, Rassismus eben auch zu erkennen und gute Strukturen, gute Abläufe zu finden in der Kommunikation mit den Eltern, im Täter*innen - und Opferschutz.
Wie können wir nachhaltige Aspekte in der Pädagogik verankern, so dass wir eben in Zukunft auch nicht weitere Verletzungen zulassen oder weitere Verletzungen eben vielleicht auch, weiterhin nicht erkennen oder eben auch nicht immer wieder Einzelfälle haben, sondern Strukturen auftreiben, in der wir erkennen, dass wir immer wieder diese Aspekte aufgreifen, erkennen, wie wir darüber kommunizieren, wie wir innerhalb unserer Fachkräfte eben das Wissen auch aktiv halten und auch wie wir Abläufe etablieren, so dass in Zukunft eben nicht oder möglichst Verletzungen nicht so stark und emotional und schmerzhaft für die Kinder und deren betroffenen Angehörige verlaufen und wir mit gutem Gewissen auch sagen können, nein, wir erkennen Rassismus und wir als Institution verstehen das auch als Teil des Kinderschutzkonzeptes und haben innerhalb unserer Institution Abläufe und Vorsichtsmaßnahmen, um eben auch die Kinder vor Rassismus zu schützen.
Frage 3
Das Infragestellen gewohnter Strukturen und die Auseinandersetzung mit eigenen Privilegien und Vorurteilen kann zu Widerständen in Teams und bei den Eltern führen. Wie können Leitungskräfte, Fachberatungen und Fortbildner*innen solche Prozesse gut begleiten und Widerständen begegnen?
Antwort 3
Wenn wir über Veränderungen im gewohnten Ablauf innerhalb von Teams oder auch der Elternschaft innerhalb der Institution sprechen, sprechen wir auch gerne über Wachstumsschmerzen. Gerade Kinder und Jugendliche wissen ja auch, dass Wachsen häufig mit Schmerzen einhergeht, aber am Ende auch etwas ganz Schönes dabei passiert und im Veränderungsprozess auch ganz viel Schönheit, Erkenntnisgewinn und Wachstum stecken. Das heißt, wenn eben Leitungskräfte, Fachberatungen und Fortbilder*innen Institutionen unterstützen in dem Prozess, wäre es eben total wichtig, dass sie eben all die emotionalen Aspekte mitdenken.
Also die mit gerade Veränderungen, rassismuskritischen Veränderungen einhergehen. Sie werden auf viel Widerstand und viel Infragestellungen und Abwehr treffen. Und all das ist aber auch Teil des Wachstums.
Es ist natürlich nie schön zu erkennen, dass vielleicht die bisherige Haltung nicht unbedingt dem Kinderschutz diente oder tatsächlich nur dem Schutz bestimmter Kinder. Und es Aspekte gab, in der sie sozusagen die kindliche Verletzung überhaupt nicht als solche erkannt haben. Und jetzt zu merken, oh, daran woran ich geglaubt habe, diente tatsächlich eher vielleicht meines eigenen Schutzes, aber nicht dem Schutz des Kindes.
Das kann wehtun und das kann natürlich auf viel Widerstand stoßen, weil gerade, wenn es um Rassismus geht, es ja ganz häufig auch darum geht, wer bin ich in dieser Welt, in welcher Position bin ich in dieser Welt, mit welchen Privilegien bin ich hier in dieser Welt. Und nun geht es darum, dass ich einen Aspekt betrete, in der ich plötzlich nicht mehr als Expertin fungiere, in der ich als unwissender Diener und auf ganz viel Hilfestellung von anderen Menschen angewiesen bin. Das sind viele Menschen dann auch nicht gewohnt, wenn sie erkennen, dass Sie, als weiße Person beispielsweise für Rassismus nicht unbedingt eine Antenne in sich verspüren. Ihnen zu sagen, das ist rassistisch, das ist nicht in Ordnung und wie gehe ich jetzt damit um.
Und gerade, weil auch im frühkindlichen Bereich ganz viel auch mit unserer eigenen Kindheit, mit unserer Nostalgie, mit dem eigenen Aufwachsen zu tun hat und wir ja durchaus auch sehr mit nostalgisch gefärbter Brille auf die Bücher, die wir gelesen haben, die Lieder, die wir gesungen haben, blicken und erkennen: „Oh, vieles, was wir da erlernt haben, ist hochproblematisch.“
Und Spoiler, auch wir als Schwarze Person haben diese Lieder gelernt und viele von uns auch nicht als problematisch vielleicht empfunden, um dann im Nachhinein zu erkennen: „Oh, das war aber nicht alles Gold, was glänzt.“ Auch das kann sehr schmerzhaft sein.
Und gerade Menschen, die mit Institutionen arbeiten in diesen Prozessen, sind meistens sich dieser ganzen Reaktion auch bewusst und begleiten diese sehr sensibel und gar nicht im anklagenden Ton, weil wie gesagt, wir alle sind mit diesen Strukturen aufgewachsen. Sondern auch eher im Hinblick von: „Okay, so war es und das verstehen wir aus bestimmten Gründen, warum man an bestimmten Strukturen festhält.“ Aber wir müssen eben auch verstehen, dass ganz viele Aspekte nicht mehr zeitgenössisch sind und mit dem Wissen, was wir jetzt haben, abzulehnen sind. Und wie können wir gute Alternativen finden?
Also die meisten Fachkräfte sind mit Herz und Verstand total dabei, Kinder zu schützen, sie zu begleiten und sie zu bestärken auf ihrem Weg zu ihrer eigenen Identitätsperson, die sie im Werden begriffen sind.
Und das eben als Aspekt aufzunehmen zu sagen, im Hinblick auf Sexismus empowern wir Kinder und Mädchen ja auch dabei zu sagen: „Nein, ihr dürft werden und bekommen, was ihr wollt.“ Und Rassismus reduziert die Möglichkeiten von Schwarzen Menschen, steckt sie in Schubladen, in denen ihre Selbstwirksamkeit reduziert wird und sie daraus zu holen und ihnen auch diese Versprechungen, die sie allen Kindern zu gedeihen zu erlauben, zuzugestehen, das ist doch wunderschön. Und ihnen diese Möglichkeiten und diesen Aspekt, was ja darin steckt, wenn wir rassismuskritisch und selbst reflektieren und unsere Institution, die Möglichkeiten, die es uns erlaubt, Kinder zu unterstützen mit dem neuen Wissen, ist ja auch sehr empowernd für die Fachkräfte, zu wissen, ich erkenne etwas und kann Kinder dabei unterstützen.
Neuer Kommentar